Larsens Sammelsurium
…oder: die Vermessung der Staaten…
Der Roman “Die Karte meiner Träume” ist ein tolles Debüt für Reif Larsen.
T.S. Spivet ist zwölf Jahre alt, hat kürzlich seinen jüngeren Bruder durch einen Schießunfall verloren und lebt mit seinen Eltern und seiner großen Schwester auf einer Ranch im US-Bundesstaat Montana. Er ist ein fotografisch genauer Beobacher seiner Umwelt und seiner Mitmenschen und kann seine Beobachtungen exakt dokumentieren. Gegenwärtig hat er bereits eine veritable Bibliothek angelegt, die mit seinen exakt katalogisierten Arbeiten gefüllt ist. Wegen der enormen graphischen Qualität seiner Aufzeichnungen soll er vom Washingtoner Smithsonian Museum den Baird-Preis erhalten. Dass er noch ein Kind ist, weiß die Jury jedoch nicht.
Larsen lässt uns an der Opulenz von T.S. Arbeiten teilhaben. Gemeinsam mit dem Grafiker Ben Gibson legt er ein Buch vor, das den Leser vom Lesen ablenkt. Einen solchen Effekt positiv einzusetzen ist keine Kleinigkeit. Denn hier verlässt man die eigentliche Sache nicht, wenn man hemmungslos hin- und herschmökert, sondern man nähert sich ihr an. Es geht um die umfassende Darstellung der Denke und Wahrnehmung von T.S. Spivet. Sie besteht nicht nur aus einem fortschreitenden Text oder einem Gedankenstrom, sondern spielt sich in topographischen Karten, Diagrammen, Fußnoten, Exkursen und Schemata ab.
Das ganze wird minutiös ausgearbeitet präsentiert. Als Beispiel sei hier das Notizbuch der Mutter angeführt, das T.S. während seiner Reise liest. Für die ausladenden Zitate wurde ein typographischer Trick verwendet, so dass zwar die gleiche Schriftart wie im übrigen Text eingesetzt wird, sie aber leicht ausgebleicht oder verwittert erscheint. Kleine Risse durziehen die Buchstaben. Auf den ersten Blick wirkt das wie von einer eine schwächelnden Druckmaschine produziert, aber dann entdeckt man die Absicht. Parallel zu diesen Zitaten befindet sich in der Randspalte schematisch die in der zwischenzeit zurückgelegte Zugstrecke mit den passierten Orten und Bahnhöfen. Nicht nur visuell ist das höchst reizvoll, sondern es bringt auch eine originelle Darstellung der unterschiedlichen Zeitverläufe mit sich. In der Aufbereitung und Auswahl von T.S.’s Beobachtungen erinnert das Buch manchmal an die liebenswerte Verschrobenheit von Ben Schotts Sammelsurium.
“Die Karte meiner Träume” ist – wie sollte es anders sein – ein Entwicklungsroman. Indem T.S. beschließt, auf eigene Faust zur Preisverleihung zu reisen, nähert es sich seiner Heimat und seiner Familie immer mehr an. Trotz der Erlebnisse seiner abenteuerlichen Reise geht es doch letztlich immer nur um eines: Die Liebe zu seiner Heimat und die Sehnsucht nach seinem toten Bruder. Larsens Kritik an großer Politik und übertriebenem Ehrgeiz ist ein Loblied auf die Familie und ein großartiges Land.
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